Zirkusrad

Zirkusrad

2020-08-18

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So ein Zirkus um eine Knabberei, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Zigeunerräder heißen jetzt Zirkusräder.

Zirkusrad Bildquelle: Kelly’s.
Aus Zigeuner wird jetzt Zirkus. Sonst ändert sich nix.

Ich kenne diese Räder noch aus Kindertagen – und hab mir nie Gedanken um den Namen gemacht. So wie ich mir damals auch nie Gedanken um den „Schwarzen Mann“ gemacht habe, vor dem im Turnsaal der Schule NIEMAND Angst gehabt hat oder über die zehn kleinen Negerlein, die im Buch immer weniger wurden. Jetzt aber bin ich kein kleines Kind mehr und mein Beruf begründet sich darauf, dass ich weiß, dass Wörter Macht haben. Sprache verändert sich – weil wir sie verändern. Und das ist gut so. Denn erst wenn wir begreifen, dass wir Worte immer wieder überdenken, neu definieren, neu erfinden müssen, können wir auch unser Gesellschaftssystem neu erfinden. So eine große Macht hat ein Wort nämlich!

Glaubt jemand tatsächlich, die Firma Kelly’s wurde gezwungen, ihr Produkt umzubenennen? Oder wurde Knorr gezwungen, ihre Soße umzubenennen? Ich bezweifle das! Da glaube ich noch eher, die Marketing-Experten der Unternehmen haben eine Meinungsumfrage in der Zielgruppe gestartet und vorgefühlt, wie eine Namensänderung am Markt ankommen würde. Warum ich das glaube? Weil ich – als Teil der Marketingbranche – es ganz genauso gemacht hätte! Die Unternehmen haben jetzt den perfekten Aufhänger gefunden, auf sich aufmerksam zu machen. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, die Unternehmensphilosophie in ein positives Licht zu rücken.

Shitstorm hin oder her

Die Unternehmen denken marktorientiert. Shitstorm hin oder her, sie haben nichts zu verlieren. Freunde der Zigeunerräder und der Zigeunersoße werden ihre Produkte weiterhin kaufen, auch wenn die Dinger jetzt anders heißen. Im schlimmsten Fall sehen die Kunden die Unternehmen in der Opferrolle, die sich einem grausamen Trend ergeben, bei dem „alles in Frage gestellt wird“. In Wirklichkeit haben die Unternehmen die einmalige Chance, neue Kunden dazuzugewinnen. Vielleicht Kunden, die sich beim Kauf von Moral und Integrität leiten lassen. Kunden, die bewusst an Nestlé-Produkten vorbeigehen und gegen Tönnies-Praktiken demonstrieren. Aufmerksame Kunden. Die vielleicht noch nie darüber nachgedacht haben, dass „Zigeuner“ abwertend sein könnte, sich im Nachhinein ein bisschen dafür schämen und das Denken jetzt nachholen.

Bunt und fröhlich – aber eben auch schmutzig Bildquelle: Pixabay
Bunt und fröhlich – aber eben auch schmutzig, asozial und kriminell: Das verbindet man oft mit dem Wort „Zigeuner“.

Der „Schwarze Mann“ ist eben kein Rauchfangkehrer

Denn wenn ich als Erwachsene über den seit meiner Kindheit bekannten Produktnamen nachdenke, schäme ich mich, dass mir nicht früher bewusst geworden ist, dass „Zigeuner“ tatsächlich abwertende Assoziationen weckt. Müsste ich meinen Kindern den Begriff erklären, würde ich tatsächlich mit Erklärungen wie „Schlitzohr“ arbeiten. Genauso wie ich mich schäme, dass ich nicht früher begriffen habe, dass beim „Schwarzen Mann“ im Turnsaal durchaus eine ethnische Einteilung gemeint ist und nicht – wie ich mir als Kind vom Lande damals vorstellte – ein Mann im Rauchfangkehrer-Outfit.

Es ist gut, sich über Wörter Gedanken zu machen. Dadurch können wir nur klüger werden. Es tut uns nicht weh, Begriffe neu zu definieren. Vor allem, wenn andere sich durch diese Begriffe beleidigt fühlten. Und es tut den Unternehmen nicht weh, wenn sie ihre Produkte umbenennen. Im Gegenteil. Dadurch springen sie auf einen Zug auf, der mit voller Geschwindigkeit durch unser Gesellschaftssystem rattert. In einer Zeit, in der wir mit Raketen ins Weltall fliegen, ist so ein Zug ohnehin schon mit Verspätung unterwegs. Und aus Marketingsicht sind die „Zirkusräder“ einfach nur genial.

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