Zeit

Zeit

2018-10-05

Lesen in 3 Minuten

Niemand hat Zeit. Sogar meine gerade mal Sechsjährige hat auf die Frage nach dem Fortschritt ihrer Stick-Aufgabe im Kindergarten geantwortet: „Dafür habe ich leider nie Zeit.“

Zeit Dudenredaktion 2017: Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 27., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, S. 1241

Ich verstehe das, man kann sich nicht für alles einfach so die Zeit nehmen. Wobei, für das Fertigmachen in der Früh hat meine Tochter scheinbar alle Zeit der Welt, während ich ihr im Minutentakt etwas von der „höchsten Zeit“ erzähle.

Immer wenn ich priorisiere, kommt mir das Leben dazwischen.

Schlaue Ratgeber finden, es sei alles eine Frage der Priorisierung – und die wahre Kunst bestünde darin, die richtigen Aufgaben zur richtigen Zeit zu erledigen. Man muss schließlich Herr (oder Frau) über seine Zeit sein. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Mamas geht, die Beruf, Familie, Haushalt und diverse „Freizeit“-Aktivitäten unter einen Hut zu bringen versuchen, aber mir persönlich hat sich noch nicht erschlossen, wie eine bessere Priorisierung mir tatsächlich mehr Zeit verschaffen könnte. Denn immer wenn ich priorisiere, kommt mir das Leben dazwischen.

Räume ich dem Text für den Kunden oberste Priorität ein, hat mit Sicherheit einer meiner kleinen Mitbewohner ein dringendes Bedürfnis, bei dem mein sofortiges Erscheinen gefragt ist. Oder ich nutze den Zeitpunkt einer ungewöhnlich ruhigen Spielphase der Kinder für den Kunden-Text und muss damit leben, dass ich im Anschluss meine Zeit damit verbringe, sämtliche Katastrophen zu beseitigen, die sich in dieser Zeit geräuschlos ihren Weg ins Kinderzimmer gebahnt haben. Priorisierung hin oder her.

Ist es Freizeit, wenn es unbezahlt ist? Dann häufen sich allerdings die Tätigkeiten, die in der Freizeit erledigt werden müssen.

Mir ist ja immer noch nicht klar, wo nun eigentlich Arbeitszeit aufhört und Freizeit beginnt. Zum Beispiel meine ehrenamtlichen Tätigkeiten im Verein Stadtmarketing Mödling oder beim Roten Kreuz: Ist das Freizeit, weil es unbezahlt ist? Gilt das dann auch für den Haushalt und die Zeit mit den Kindern?

Dann häufen sich allerdings die Tätigkeiten, die in der „FREI“-zeit erledigt werden müssen. Und wie priorisiere ich diese dann richtig: Ehrenamtlich die Pressearbeit für einen Verein zu machen, weil es moralisch wertvoll ist? Mit den Kindern einen Kuchen backen, weil die Familie an erster Stelle stehen sollte? Einen Pullover für die Tochter nähen, weil sie aus ihrem Lieblingspulli rausgewachsen ist und sich einen neuen Selbstgenähten wünscht? Gemüse kochen, um meinen Beitrag für die Gesundheit der Familie zu leisten? Aufzuräumen, damit wir nicht so viel Zeit mit dem Suchen von verschollenen Habseligkeiten verbringen? Freunde meiner Kinder einladen, um deren soziale Fähigkeiten zu stärken? Oder vielleicht doch die Freizeit mit bezahlter Arbeit verbringen und den Text für den Kunden fertigzumachen, weil mir das sonst eine wache Nacht beschert – und ich diese Ruhe-Zeit doch dringend zur Erholung nutzen sollte? Wie frei ist denn dann Freizeit wirklich? Gibt es sie denn dann überhaupt, die FREI-ZEIT?

Phänomen Freizeitkrankheit

Haben Sie gewusst, dass es sogar eine „Freizeitkrankheit“ gibt? Das passiert dann, wenn nach Dauerstress das Wochenende oder der Urlaub vor der Tür steht und genau in dem Moment das Immunsystem aufgibt und die Viren Einzug halten. So gesehen wäre es also eigentlich ohnehin gesünder, dem Freizeit-Stress zu frönen.

In diesem Sinne: Nehmen wir uns Zeit für unsere Gesundheit und seien wir weiter in Zeitdruck! Und wenn jemand eine bessere Lösung gefunden hat, den Wettlauf mit der Zeit für sich zu entscheiden, soll er keine Zeit vergeuden und mir Bescheid geben! Bis dahin finde ich vielleicht auch die Zeit, mich angesichts der Berichte über Krieg, Taifune und Tsunamis eine Runde für meine First-World-Problems zu schämen.

Nächster Blog Voriger Blog