Selbst

Selbst

2018-03-23

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Das Lieblingswort meines Sohnes lautet: „selber“. Wobei es aus seinem Mund eher so klingt: „SEEEEELBAAAA!!!“ Er ist zwei Jahre alt und nutzt das Wort inflationär, beim Anziehen, beim Essen und leider auch beim Überqueren der vierspurigen Schnellstraße.

Selbst Dudenredaktion 2017: Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 27., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, S. 1010

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie ist wohl von Geburt an Teil unseres natürlichen Programms. Und nicht nur bei Kindern kann es durchaus vehement vertreten werden. In so manchem Gespräch zum Thema Rauchen in den vergangenen Wochen hat der eine oder andere Erwachsene mindestens genauso leidenschaftlich versucht, mich vom Selbstbestimmungsrecht zu überzeugen, wie das Kleinkind beim Anziehen der Jacke mit dem eingeklemmten Reißverschluss.

Selbstbestimmung heißt, dass ich frei entscheiden darf, wie ich mein Leben führen will – sie ist also ein Menschenrecht. Davon kann ruhig jeder Gebrauch machen, solange bei diesem „Selber!“ niemandem Schaden zugefügt wird: Also, Ja zur Jacke und Nein zum Reparieren des Reißverschlusses mit dem Küchenmesser. Soweit, so gut.

“Selbst” und/oder “ständig”

Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit folge ich ja dem Traum der Selbstbestimmung, den offenbar viele träumen: Jeden Tag entscheiden sich 112 Österreicher dafür, ein Unternehmen zu gründen – hat die Wirtschaftskammer für das Jahr 2016 erhoben. 66,4 Prozent von ihnen gründen deshalb, weil sie schon lange den Wunsch hegten, ihr eigener Chef zu sein – also im wahrsten Sinne des Wortes selbstständig zu arbeiten. Wie oft dann in der Realität das „ständig“ dem „selbst“ den Rang abläuft, hat die Studie leider nicht erhoben.

Projekte für Selbermacher

Doch nicht nur im Job, auch in der Freizeit boomt das Selber-Machen: Nähen, Kochen, Backen und Heimwerken – jeder ist auf der Suche nach seinem Projekt. Dass man ein Projekt laut neuester Werbung nur in einem bestimmten Baumarkt finden kann, tut hier nichts zur Sache. Damit bei der ganzen Do-it-yourself-Kultur nicht die Wirtschaft zu kurz kommt, sind die unterschiedlichsten Branchen auf den Selbermachen-Zug aufgesprungen: Wenn ich selber Kuchen backen will, brauche ich nur noch eine fertige Backmischung kaufen. Ich könnte auch selber Sushi machen – muss dazu nur schnell ein 14-teiliges Set bei Amazon bestellen. Auch Bierbrauen ist kein Problem, das Brau-Starter-Set gibt es schon unter 100 Euro. Der Selbstverwirklichung steht also nichts im Wege.

Vielleicht leben auch viele Leute mit ihren Do-it-yourself-Projekten in der Freizeit ihr Selbstbestimmungsrecht aus, wenn sie sich in ihrem Alltag eher fremdbestimmt fühlen. Kann ich gut verstehen. Da hilft die ganze Unternehmensgründung nichts: In Wahrheit bestimmen ja doch Finanzamt, Sozialversicherung und die Kunden, wie die Arbeit wann und wo gemacht werden soll. Und als Mutter habe ich zusätzlich ganz andere Chefs, denen mein Anspruch auf Selbstbestimmung ziemlich egal ist. In diesem Sinne setze ich mich jetzt SEEEEELBAAAA!!! an die Nähmaschine. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und die Jacke meines Sohnes wartet auf einen neuen Reißverschluss.

Quellen:

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