Sanierung

Sanierung

2018-06-08

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Ich dachte, mein persönliches Unwort des Jahres wäre „Datenschutzgrundverordnung“. Doch es gibt einen weiteren Favoriten: „Sanierung“. Und das kam so…

Sanierung

Am 4. April nahm das Unglück seinen Lauf – das Unglück in Form eines Wasserflecks an der Wand in unserem neu ausgebauten und voll möblierten Keller. Der erste Anruf geht an die Versicherung, die ein Unternehmen beauftragt, diesem ominösen Wasserfleck auf den Grund zu gehen. Ich lerne ein neues Wort kennen: Leckortung. Ein Herr mit ebendiesem Spezialgebiet würde uns mit seiner Anwesenheit beehren – in einer Woche. Ob das g’scheit ist? Bevor möglicherweise das ganze Haus unter Wasser steht, bitten wir um Beschleunigung. So tritt bald die Firma XY (Name der Redaktion bekannt) in unser Leben – genau genommen erstmal der Herr von der Leckortung. Er entdeckt den Grund des Übels: Drei Zimmer weiter war ein Ventil der Wasserleitung defekt und so konnte unbemerkt wohl schon über Monate hinweg Wasser in den Boden tröpfeln. Der Boden hatte das Wasser aufgenommen und nun ging es also die Wände hoch – wie sich herausstellte, in vier verschiedenen Zimmern. Der Herr von der Leckortung schließt das Ventil, die Räume müssen nun professionell getrocknet und saniert werden.

Eine Woche später stellt sich die Projektleitung der Firma XY vor, eine junge Frau Ingenieur. Und ich freue mich noch, dass ich es endlich mal mit einer Frau in dieser Branche zu tun habe! Die wird sicher super professionell sein, wenn sie sich in dieser Männerdomäne behauptet. Ich und mein Schubladendenken… Naja. Sie will einen Kostenvoranschlag an die Versicherung stellen. Der Installateur kommt und wechselt das Ventil. Bis jetzt alles klar.

Ein Techniker misst die Feuchtigkeit der Wände und bringt irgendwann ein paar Luftentfeuchtungs-Maschinen. Ich lerne wieder ein neues Wort: Kondensationstrockner. Der Techniker meint, eine zusätzliche Bodentrocknung müsse veranlasst werden. Die Tage vergehen. Von Bodentrocknung keine Spur. Ob das g’scheit ist? Bis dahin erfreut man sich an der stickigen Luft und am Dröhnen der Entfeuchtungsgeräte bei der tollen Akustik eines Kellers ohne Kellertür. Flüchten zwecklos, schließlich müssen die Auffangwannen dieser Kondensationstrockner regelmäßig geleert werden.

Eine Probebohrung wird gemacht. Den Sinn verstehen wir nicht ganz. Wie sollte das Wasser von der Leck-Stelle einige Meter weiter an die Wände der Zimmer kommen, wenn nicht über den Boden? Tatsächlich, die Probebohrung bringt ans Licht: Unter dem Boden ist alles nass. Überraschung!

Einen Monat nach Entdeckung des Wasserschadens sehen wir den Techniker wieder. Er bohrt den Boden eines Zimmers an und installiert eine Estrichtrocknung. Wieder ein neues Wort gelernt. Aber die Betonung liegt auf EINE. Die übrigen Zimmer, in denen die Wände ebenfalls nass sind, bleiben von der Bodentrocknung erstmal unbeteiligt. G’scheit? Laut ebendiesem Techniker nicht wirklich, weil damit nur die Feuchtigkeit in die anderen Richtungen geblasen wird. Die Frau Projektleiterin ist auf Urlaub und nicht erreichbar. Wir sprechen mit ihrem Vorgesetzten. Mit Erfolg: Einen Tag später baut die Firma Bodentrocknungs-Geräte in zwei weiteren Räumen auf. Die vorerst dramatischste Folge: Lärm. Tag und Nacht Lärm. Die Nachbarn ringsum sind „not amused“, bauen zum Teil Lärmschutzwände zu unserem Garten auf. Wir sitzen mitten drin.

Bei den Bodenbohrungen war ein Schutzschalter im Sicherungskasten gefallen. Laut Technikern hätte das nichts mit ihnen zu tun. Dann fällt die Klimaanlage aus – wir erkennen erst noch keinen Zusammenhang. Wohl aber der Klimaanlagentechniker, der bei Öffnen des Haus-Sicherungskastens ganz bleich wird: Funken fliegen, Isolierungen sind geschmolzen. Der von uns zu Hilfe gerufene Elektriker ist ein paar Minuten später vor Ort und sichert alles ab, bevor wir abbrennen – jetzt wo das Haus so trocken ist… Offenbar war es nicht so g‘scheit, sämtliche Geräte auf einem Stromkreis laufen zu lassen und bei den Bohrungen für die Trocknung auch gleich die Fußbodenheizung anzubohren.

Der 23. Mai, ein Freudentag: Die Trocknungsgeräte werden abgebaut. Es ist plötzlich so still, dass uns die Köpfe dröhnen. Fünf Tage später ist es gleich nicht mehr so ruhig: Jetzt beginnen die Sanierungsarbeiten. Zum Glück bemerken wir noch rechtzeitig, dass die vorgesehenen neuen Böden fast zwei Zentimeter höher wären als die bisherigen, sonst hätten wir dann wohl Probleme mit Höhenunterschieden und den Türen bekommen.
Laut Projektleiterin müssen wir nichts ausräumen, das würden die Arbeiter alles erledigen. Ebendieser Arbeiter, der heute mutterseelenallein vor unserer Tür steht, weiß davon aber nichts, und betrachtet mit Stirnrunzeln und Flüchen in fremder Sprache die Couch, die Kästen und die anderen schweren Dinge, die er unmöglich alleine aus den Zimmern schaffen kann. Er telefoniert. Wir telefonieren. Die Frau Projektleiterin erklärt: Er soll die Möbel nur im Zimmer herum-verschieben, wenn er die Böden rausreißt.

Die Freude des Arbeiters wird auch nicht größer, als er feststellt, dass der vermeintlich schwimmend verlegte Parkettboden eben nicht schwimmt sondern klebt. Ziemlich fest sogar. Mit Gummihammer und Stemmeisen geht’s ans Werk. Holz splittert, alles scheppert, daneben steht die Couch. Ein großer Einbau-Schrank steht im Weg. Allein kann der Mann den Kasten nicht versetzen. Sein Vorschlag, den Boden nur bis zum Schrank rauszureißen und eine Fuge freizulassen, klingt für uns nicht so besonders g’scheit. Also muss der Schrank nun doch ausgeräumt werden. Während das Kleinkind auf der Couch sitzt und dem Holz beim Splittern zusieht, räume ich ihn leer. Zu Mittag gibt der Arbeiter auf. Er wolle am nächsten Tag nochmal kommen.

Am nächsten Tag klingelt ein anderer Herr. Er ist mutterseelenallein und wurde geschickt, um einen schwimmend verlegten Parkettboden zu entfernen. Wir zeigen ihm die Baustelle. Stirnrunzeln. Flüche in fremder Sprache. Telefonate.

Zuerst raus

Wir schalten jetzt einen Konsulenten ein: ein Mann vom Fach, der sicherstellen soll, dass die Handwerker koordiniert werden und unser Keller vielleicht irgendwann doch wieder einmal so ausschaut wie vorher.

Er macht sich ans Werk, telefoniert und schreibt bitterböse E-Mails. Irgendwann kommt Verstärkung für den Arbeiter vor Ort. Nun werden die Zimmer ausgeräumt und die Böden rausgerissen. Unser Konsulent macht auch Dampf, damit sich ein Elektriker um die defekte Fußbodenheizung kümmert. Dieser Elektriker kommt schließlich auch. Er sagt, er wäre geschickt worden, um eine Klimaanlage zu reparieren. Wir zeigen ihm lieber die Fußbodenheizung. Von unseren vorab geschickten Informationen zu dem Gerät wurde von der Projektleiterin nichts an ihn weitergegeben. Wir telefonieren. Er telefoniert. Schließlich glaubt er zu wissen, um welchen Gerätetyp es sich handelt und beginnt mit Reparaturen.

Am nächsten Tag begutachtet der Elektriker sein Werk. Er verursacht einen Kurzschluss. Offenbar funktioniert die Heizung nicht. Unser Konsulent bemerkt, dass die Heizung mit einem viel zu großen Schrumpfschlauch repariert wurde. Schrumpfschlauch - kein Wunder, dass das Ding nicht funktioniert, bei so einem Namen. Nach Rücksprache mit der Projektleiterin machen die Arbeiter jetzt das einzig Richtige: Sie kleben den neuen Parkettboden drüber und hoffen, dass die Fußbodenheizung am nächsten Tag doch funktioniert. Tut sie nicht.

Dann rein

Unser Konsulent schreitet ein: Die g’scheite Aktion vom Vortag muss rückgängig gemacht werden. Der Boden kommt wieder raus. Er klebt diesmal noch besser als beim ersten Mal. Die Arbeiter haben aufgerüstet. Statt Gummihammer und Stemmeisen kommt nun ein elektrischer Stemmhammer zum Einsatz. Es scheppert und dröhnt. Die Kinder halten sich die Ohren zu und spielen mit Zigarettenstummel, die sie überall im Garten finden. Zusätzlich sind heute nach einigen Interventionen unseres Fachmannes auch die Maler da, die schon einige Tage vorher angekündigt, aber nie erschienen sind. Sie müssen nicht nur die Wasserschäden übermalen, sondern auch die Spuren beseitigen, die die Arbeiter mit ihren Trocknungsgeräten produziert haben. Nach den Abrissarbeiten warten die Bodenleger vor der Tür schlafend auf den Elektriker, der eine neue Fußbodenheizung einlegen soll, aber irgendwie nicht erscheint. Wieder muss der Konsulent Dampf machen. Nun wurde gestern die neue Heizung eingelegt und wir warten gespannt auf den heutigen Testlauf. Wir sind bereit, die Arbeiter notfalls mit Gewalt daran zu hindern, wieder einen Boden einzukleben, bevor die Heizung funktioniert.

Wieder raus

Wahrscheinlich hätten wir einfach warten sollen, bis das Wasser im Keller eine gewisse Höhe erreicht - falls es ein heißer Sommer wird und wir eine Abkühlung brauchen.

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