Ponyzei

Ponyzei

2018-11-19

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Kurz habe ich mich richtig alt gefühlt – als in den Medien das Jugendwort 2018 präsentiert wurde: „Ehrenmann“ bzw. „Ehrenfrau“. Als jugend­sprachliche Eigenheit sind mir diese Wörter noch nie untergekommen.

Ponyzei Langenscheidt, Tweet vom 16.11.2018

Genauso wenig wie die übrigen Spitzenreiter: „verbuggt“ („Du bist so verbuggt“ meint „Du bist voller Fehler, du nervst“), „glucose-haltig“ für „süß“ oder „auf dein Nacken“ (Du zahlst!). Auch die Konstruktion „Ich küss dein Auge“ hätte ich eher als Drohung empfunden, als es als jugendsprachlichen Ausdruck für „Danke“ zu interpretieren.

Bei „lindnern“ (lieber etwas gar nicht machen, als etwas schlecht machen) wurde mir dann aber klar: Es ist keine Altersfrage, es ist eine Kulturfrage! Gewählt wurde nämlich das DEUTSCHE Jugendwort des Jahres 2018. Wir pseudo-Oiden haben noch eine Chance, denn beim österreichischen Jugendwort 2018 ist noch alles offen! Und wir können aufatmen, so fremd sind uns manche Wörter dann gar nicht: „Oida“ kennt bestimmt jeder – und manche von uns wissen vielleicht seit ein paar Wochen sogar, dass der Preis für dieses Wort bei 100 Euro liegt, wenn man es gegen einen Polizisten richtet. Auch „nice“ und „ghosten“ sind mir nicht unbekannt.

Zur Wahl stehen übrigens auch noch „Bellgadse“ (kleine Hunde), „Appler“ (jemand, der mit seinen Apple-Produkten angibt), „fly sein“ (gut drauf und relaxed), „gespidert“ (ein zersprungenes Handy-Display), „ragequit“ (Gaming: auf aufbrausende Art das Online-Spiel verlassen), „Selfmord“ (Selfie mit Todesfolge) und „zuckerbergen“ (stalken).

Ich habe auch gar nicht gewusst, dass ich selbst die Chance habe, das Jugendwort mitzubestimmen. Das wird nämlich nicht wie in Deutschland vom Langenscheidt-Verlag gewählt. In Österreich darf jeder seine Wort-Vorschläge bei der Gesellschaft für Österreichisches Deutsch (GSÖD) einreichen, eine Jury legt die Kandidaten-Wörter fest und jeder Internetnutzer kann dann wählen, und zwar genau noch:

Und nicht nur das Jugendwort können wir wählen, wir entscheiden auch über das Wort des Jahres, das Unwort des Jahres, den Spruch und den Unspruch des Jahres. Nichts wie los! Wer wählt, ist aktiv – und muss sich nicht mehr alt fühlen! Ich werde gleich zur Wahl schreiten. Mein persönlicher Favorit für das Österreichische Wort des Jahres ist übrigens „Ponyzei“.

Damit wir auch gut informiert sind, wofür die verschiedenen Kandidaten stehen, hier noch eine Auflistung (übernommen von der GSÖD):

Mögliche Wörter des Jahres 2018:

BVT-Affäre: Affäre rund um das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbe­kämpfung, in deren Verlauf eine schwer bewaffnete Polizeitruppe eine Hausdurchsuchung durchführte und geheime Daten beschlagnahmte.

Digitalisierung: Ein Wort, das praktisch jede/n in irgendeiner Form betrifft – von der Arbeitswelt bis zum Ticketkauf bei den Öffis.

Ehe für alle: Durch ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs eingeführtes Recht, wonach auch gleichgeschlechtliche Paare eine Ehe vor dem Standesamt eingehen können.

Gaulreiter: Alternativer Ausdruck für einen Innenminister, der darauf besteht, dass eine berittene Polizeieinheit eingerichtet wird.

Klimakatastrophe: Das Wort spricht für sich und ist rund um den Globus bereits traurige Realität.

#MeToo: Name der Bewegung, die sexuelle Übergriffe (besonders) in der Arbeitswelt thematisiert und eine Protestwelle ausgelöst hat.

Nichtrauchervolksbegehren: Überaus erfolgreiches Volksbegehren, das mit fast 900.000 Unterschriften die Rauchfreiheit in Lokalen verlangt und trotzdem von der derzeitigen Regierung gesetzgebend nicht umgesetzt wird.

Orbanisierung: Politischer Vorgang, der von rechtsgerichteten Parteien ausgeht und bei dem die pluralistische Demokratie nach und nach in ein autoritäres politisches System umgeformt wird.

Ponyzei: Origineller Ausdruck für die geplante berittene Polizeitruppe.

Schweigekanzler: Bezeichnung für einen Bundeskanzler, der zu wichtigen politischen Ereignissen und auch zu politisch befremdlichen Aussagen von Funktionären des Koalitionspartners nichts sagt und diese damit indirekt billigt.

Mögliche Unwörter des Jahres 2018:

Anlandeplattform: Verhüllender Begriff des Bundeskanzlers für Lager in nordafrikanischen Ländern, in denen künftig Flüchtlinge interniert werden sollen. Sie sollen dort um Asyl ansuchen müssen, damit sie als Flüchtlinge nicht nach Europa gelangen.

Arbeitszeitflexibilisierung: Begriff, der die Möglichkeit zur Verlängerung der Normalarbeitszeit auf 12 Stunden pro Tag und damit eine potenzielle Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verhüllend umschreibt.

Datenschutzgrundverordnung: Name der EU-Verordnung, mit der private Daten geschützt werden sollen, die jedoch zu großem bürokratischen Aufwand führt, ohne dass das gewünschte Ziel breitflächig erreicht wird.

Einzelfälle: Wiederkehrende Entschuldigung der FPÖ für oft menschenverachtende bzw. hetzerische Aussagen mancher ihrer Funktionäre. Mittlerweile ist eine große Zahl solcher „Einzelfälle“ dokumentiert, daher wird der Ausdruck auch sarkastisch verwendet.

Funktionärsmilliarde: Begriff der Regierung, wonach durch die Verringerung der Zahl der (großteils) ehrenamtlich arbeitenden Funktionäre der Krankenkassen eine Milliarde Euro eingespart werden könne. Motto: eine „Patientenmilliarde statt einer Funktionärsmilliarde“. Rechnungshofpräsidentin Kraker hat dies als unzutreffend bezeichnet: „Es fehlen transparente und nachvollziehbare Berechnungsgrundlagen.“

Gold-plating: Versuch der österreichischen Bundesregierung bis zu 489 nationale Standards auf das Niveau der EU-Mindestvorgaben zu senken und damit (de facto) zu verschlechtern.

Konzentrierte Unterbringung: Innenminister Kickl will Asylwerber “konzentriert an einem Ort halten“, um die Verfahren zu verkürzen. Den Anklang an die „NS-Konzentrationslager“ nimmt er in Kauf, denn das „sei keine Provokation“.

Listenhund: Tier einer Hunderasse, die als “Kampfhunde”, “auffällige” Hunde bzw. als „Hunde mit erhöhtem Gefährdungspotential“ auf der Liste der gefährlichen Hunde steht.

Neuer Stil: Schlüsselbegriff der derzeitigen Bundesregierung, mit dem ausgedrückt werden soll, dass sie öffentlich nicht streitet und konsequent arbeitet. „Was wir uns vorgenommen haben, wird zügig umgesetzt” – selbst wenn es dagegen massiven Widerstand gibt.

Stichhaltige Gerüchte: Ausspruch von FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus zu US-Milliardär G. Soros, wonach dieser „Migrantenströme nach Europa unterstütze“. Mit dem Attribut „stichhaltig“ wird versucht, nicht abgesicherte bzw. falsche Annahmen als Fakten zu tarnen. Zugleich schließen sich die Begriffe „stichhaltig“ und „Gerücht“ gegenseitig aus.

Die Kandidaten für den positiven Spruch des Jahres 2018:

„Frau Minister, was ist mit Ihnen?!“: Emotionale Frage von Matthias Strolz, dem früheren Vorsitzenden der NEOS, an Gesundheitsministerin Hartinger-Klein während der Diskussion des Initiativantrages der Regierung für ein Gesetz, wonach für unbegrenzte Zeit wieder in Lokalen geraucht werden darf.

„Mahrer übernimmt!“: Running Gag auf Twitter, wonach ÖVP-Multifunktionär Harald Mahrer, der wegen seiner zahlreichen Posten in der Kritik steht, sogar als “logischer Nachfolger” für Christian Kern - dem zurückgetretenen Vorsitzenden der SPÖ - ins Spiel gebracht wurde.

„Kasperl und Petzi sind gerettet“: Allgemeines Aufatmen, weil Universalkünstler André Heller das Urania Puppentheater in Wien übernommen hat, das von der Schließung bedroht war, da der Direktor in Pension ging.

„Kein Geheimdienst, der noch bei Trost ist, wird mit Österreich noch Daten austauschen – außer vielleicht den Wetterdienst.“: SPÖ-Abgeordneter Jan Krainer in der Parlamentsdebatte über die BVT-Affäre.

Die Kandidaten für den negativen Spruch des Jahres 2018:

„Genau das Gegenteil ist der Fall!“: Bei manchen Kommentaren auf seiner Social Media Seite sieht sich FPÖ-Vorsitzender Strache wiederholt zu einer Reaktion veranlasst. Strache antwortet darauf oft einleitend: “Genau das Gegenteil ist der Fall!“

„Ich habe die Balkanroute geschlossen!“: Behauptung von Bundeskanzler Kurz, die einem Faktencheck nicht standhält, da einige Nachbarstaaten am Balkan und die Türkei dafür verantwortlich waren, dass die Anzahl der Flüchtlinge stark zurückgegangen ist.

„Man kann sicher von 150 Euro im Monat leben.“: Kernaussage des Interviews auf oe24.tv mit Sozialministerin Hartinger-Klein. Man werde trotz der geplanten Kürzung der Mindestsicherung “leben können”, sagte Hartinger-Klein. Auf die Bemerkung des Interviewers, “wenn man von 150 Euro leben kann”, antwortete sie: “Wenn man die Wohnung auch noch bekommt, dann sicher.”

„Wer den Dienst in der Wehrmacht verweigert hat, ist ein Verräter, und Verräter soll man verurteilen und nicht seligsprechen.“: In einem Leserbrief ausgedrückte Meinung über Franz Jägerstätter, der aus christlicher Überzeugung während des Nazi-Regimes den Kriegsdienst verweigerte und hingerichtet wurde. Der Leserbrief stammte von Hubert Keyl, kurzzeitiger Kandidat für einen Posten als Bundesverwaltungsrichter und einst enger Mitarbeiter des früheren Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf (FPÖ).

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