Kontakt

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Wenn der Kontakt eigene Wege geht, eine Kurzgeschichte.

Kontakt pixabay

“Die Reisende” macht den Anfang in eine Kurzgeschichte, bei dem der Kontakt mit allen Sinnen seinen Weg selbst sucht, wenn er eigentlich verboten wäre. Vom 18. September 2020 an wird bis zum Mittwoch, 23. September, jeden Tag ein Kapitel freigeschaltet – und lädt damit jeden Tag zu einer kleinen Reise ein.

Die Reisende

Hier stand sie nun. Auf der Brücke. Allein. Obwohl, allein war sie eigentlich nicht. In Wirklichkeit hatte sie seit Wochen nicht so viele Menschen auf einmal gesehen. Sie strömten über den Steg in Richtung Innenstadt oder spazierten in der Gegenrichtung zum Mirabellplatz. Ein Einheimischer hätte sie vermutlich ausgelacht, hätte sie bei dem derzeitigen Fußgänger-Verkehrsaufkommen von „Unmengen Menschen“ erzählt – jetzt, wo kein ausländischer Tourist auf den Spuren von Mozart oder Maria Trapp wandelte. Aber sie, die sie da mitten auf dieser Brücke stand, wusste gerade nicht, worüber sie mehr staunen sollte: Über die wunderschöne Burg, die auf dem Festungsberg vor ihr thronte, oder über die vielen fremden Gesichter, die ihr plötzlich so ungewohnt nahe waren.

Und doch war sie allein. Denn er war nicht da. Ihre Reise dauerte gerade einmal ein paar Stunden und schon wurde ihr schmerzlich bewusst, dass er ihr fehlte. So gern hätte sie jetzt mit ihm gemeinsam auf die Salzach hinuntergeschaut. Wäre mit ihm auf die Suche nach einem Eis gegangen. Wobei, wahrscheinlich hätte er nicht mit ihr die Umgebung bewundert, sondern lieber den kürzesten Weg auf die Burg herausgesucht - mit Blick auf das Smartphone. Mit ihrem Staunen über die neuen Eindrücke wäre sie vielleicht genauso allein gewesen, ob er nun da war oder nicht. Ebenso, wie sie sich in den vergangenen Wochen allein gefühlt hatte. Dabei waren sie die ganze Zeit über so eng zusammen gewesen, wie noch nie. Nur sie und er in der 50-Quadratmeter-Wohnung im Süden Wiens. Er im Home-Office den ganzen Tag am Küchentisch, in sein Headset sprechend und auf dem Laptop hämmernd. Sie an ihrem Schreibtisch mit rauchendem Kopf, ihre Master-Arbeit in die Tasten tippend.

Auf sämtlichen Medien-Kanälen hatte man ihr Ideen serviert, wie sie sich dieser Tage die Zeit vertreiben könnte. Man solle in sich gehen, neue Talente suchen und fördern. Damit man was mitnehmen kann, für die Zeit danach. Nähen. Kochen. Basteln. Ein Projekt suchen. Ein Tagebuch schreiben. So mancher Bekannte hatte seine mehr oder weniger interessanten Erlebnisse des Tages über Social Media geteilt, war erstaunlich freizügig mit Erzählungen von mangelnder Körperpflege und sehr ausschweifend in der Beschreibung von Spaziergängen mit dem Hund. Fotos von bunt bemalten Steinen und wundervoll verzierten Zuckerglasur-Torten gingen viral. Rezept-Kettenbriefe oder mathematische Rätsel machten die digitale Runde. Und ihr war nicht eine Sekunde langweilig gewesen.

Wo hatten die Menschen nur die viele Zeit gefunden? Es schien, als wäre die halbe Welt mit Basteln und Kochen beschäftigt gewesen. Während sie an ihrem Schreibtisch saß und arbeitete, genau wie er auch. Von Langeweile keine Spur. Klar, das Küchenkasterl war endlich repariert, das schon seit Jahren am seidenen Scharnier hing. Und die drei Fenster der Wohnung erstrahlten in neuem Glanz. Irgendwie musste man ja versuchen mitzuhalten, mit diesem Beschäftigungs-Marathon der Menschen ringsum. Ab und zu hatte sie auch eine kleine Laufrunde geschafft - allein, wie sonst auch. Und er war manchmal in der Früh durch die Stadt geradelt, bevor sie überhaupt aufgestanden war. Ebenfalls allein, wie sonst auch.

Ihre Mutter hatte seitenlange Einkaufslisten mit Wünschen und Rabatt-Hinweisen geschickt. Die hatte sie in den Schreibpausen gewissenhaft abgearbeitet – und doch jedes Mal irgendetwas falsch gemacht.

Ab und zu hatten sie es geschafft, am Abend gemeinsam eine neue Netflix-Serie zu schauen. Darüber im Anschluss noch zu plaudern, dazu fehlte allerdings beiden die Energie. Die war schon in die Tastaturen geflossen. Geplaudert wurde per Telefon mit Freunden und Familie. Sie hatte versucht, ihre Cousine aufzumuntern, die als Single ganz allein in ihrer Wohnung war - und sich dabei gedacht, dass es ihr eigentlich gar nicht so viel anders ging.

Und dann war es plötzlich vorbei gewesen. Die Masterarbeit. Und die Zeit in der Wohnung. Und ihr erster Impuls war gewesen: Raus! Ich muss raus! Sie war losgezogen, hatte einen Reiseführer für Österreich gekauft und beschlossen, ihr Heimatland zu erkunden. Landeshauptstädte hatte sie nur drei jemals besucht, den Großglockner kannte sie bloß aus dem Geografie-Unterricht und sie hatte noch nie eine Zehe in den Attersee getaucht. Das sollte sich jetzt ändern. Jetzt war DIE Gelegenheit! Er hatte verständnislos den Kopf geschüttelt. Urlaub? Jetzt? Wozu? Großglockner, Attersee, was sollte das? Sie war ganz perplex gewesen. Damit, dass er so völlig dagegen war, hatte sie nicht gerechnet. Sie hatten beschlossen, erstmal eine Nacht drüber zu schlafen. Doch am nächsten Tag war er noch verwunderter gewesen, dass sie “schon wieder damit anfing”. Sie hatte sich vor ihrem Schreibtisch verschanzt und gleichmal freie Zimmer und Zugtickets gebucht. Für sich allein. Während er wieder den ganzen Tag in sein Headset sprach, packte sie ihren großen Rucksack. “Reden wir jetzt nicht mal mehr darüber”, hatte er gefragt? “Wozu? Ich will fahren. Du nicht. Also fahre ich. Und du nicht. Wer weiß, vielleicht tut es uns ja ganz gut, wenn wir mal keinen Kontakt haben”, war ihre trotzige Antwort gewesen. Er hatte kopfschüttelnd ihr Zugticket nach Salzburg angestarrt, sich umgedreht und weitergearbeitet.

Und jetzt war sie angekommen. Saugte das Stimmengewirr in sich auf. Hörte dem Leben ringsum sie herum zu. Das tat gut. Und sie schaute auf die vielen Schlösser, die Verliebte an die Brücke gesperrt hatten, mit ihren Namen oder Initialen drauf. Vielleicht hätte sie das mit ihm gemeinsam auch gemacht, wenn er nur da wäre… “Entschuldigung!” Ihre eigene Stimme riss sie aus den Gedanken. Ganz automatisch hatte sie die Entschuldigung gemurmelt, ohne überhaupt schuld zu sein. Der Mann, der sie angerempelt hatte, hatte sie ohnehin schon nicht mehr gehört, er war gestresst weitergeeilt.

Der Gestresste

Verärgert griff er sich an den Ellbogen, an dem er sich wohl gerade irgendwo gestoßen hatte. Warum war diese Brücke aber auch so entsetzlich voll mit Menschen? Dabei gab es doch zur Zeit überhaupt keine ausländischen Touristen. Und wer um Himmels Willen hatte in Zeiten wie diesen so viel Muße, einfach über eine Brücke zu flanieren? Er bestimmt nicht. Er hatte einen Termin in Wien und war spät dran. Er stieg in sein Auto, gab die Adresse ins Navi ein und hoffte, dass auf der Westautobahn weniger Verkehr herrschen würde als hier in der Innenstadt. Noch einmal ging er seine Präsentation im Kopf Schritt für Schritt durch. Er war gut vorbereitet, hatte alle Zahlen im Kopf. Aber das Selbstbewusstsein war angeknackst - hoffentlich spürte man das nicht.

Er musste diesen Kunden überzeugen! Dieser Auftrag war wichtig, denn es war der einzige. Und dabei hatte er noch nicht einmal den Zuschlag. In den vergangenen Wochen waren so viele Kunden abgesprungen, pleite gegangen oder mussten schlicht und ergreifend ihr Budget enger kalkulieren. Noch nie hatte er so viel gearbeitet ohne dabei Geld zu verdienen. Er hatte Angebote geschrieben. Seine Website modernisiert. Seine Buchhaltung völlig allein gemacht, um die Kosten für den Steuerberater einzusparen. Hatte sein gesamtes Netzwerk kontaktiert, in der Hoffnung, irgendwo ins Boot geholt zu werden. Er hatte sogar eine Liste mit potenziellen Kunden zusammengestellt und durchtelefoniert - dabei hasste er telefonieren. Noch dazu, wenn die Ablehnung schon vorprogrammiert war. Wer holte sich schon freiwillig eine Abfuhr nach der anderen.

Nebenbei hatte er Vokabeln abgeprüft, den Kindern mathematische Zusammenhänge erklärt und sie daran gehindert, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Seine Frau war oft völlig übermüdet vom Nachtdienst nach Hause gekommen, den sie sich extra so einteilen hatte lassen, um tagsüber für die Familie dazusein. Mit Augenringen und hängenden Schultern war sie durch das Haus geschlichen und hatte ihre Eindrücke aus dem Krankenhaus mit ihm geteilt. Er bewunderte sie. Woher nahm sie die Kraft, dann auch noch ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen? Im Gegenzug hatte er versucht, mit den großen Kindern zu lernen, hatte dann ebenfalls seine Arbeit auf die späten Abendstunden verlegt.

Eigentlich gefiel ihm das Zusammensein mit seiner Familie. Er mochte es, den Kindern ihre Schul-Aufgaben zu erklären. Vielleicht sollte er mitten in seinen Vierzigern nochmal ganz neue Wege gehen und eine Ausbildung zum Lehrer machen? Wenn es mit seiner Firma so weiterging, musste er sie ohnehin bald zusperren. Vom Gehalt seiner Frau würden sie sich das Haus nicht weiter leisten können. Ein Lehrer-Gehalt würde daran vermutlich auch nicht viel ändern. Aber vielleicht ließe sich das irgendwie kombinieren, vielleicht könnte er auf einer Abendschule unterrichten oder Lektor an einer Hochschule sein. Als zweites, krisensicheres Standbein sozusagen.

Es waren nur Spinnereien, aber sie machten ihm neuen Mut. Und wenn schon. Selbst wenn er den Kunden nicht überzeugen konnte, er würde irgendwie überleben. Irgendein Weg findet sich doch immer. Er schaltete das Autoradio ein. “Hier ist ein Lied, das uns verbindet”, sang Tocotronic von der Hoffnung. Ein Zeichen! Lauthals sang er mit und fühlte sich plötzlich beflügelt. Noch auf dem Weg zum Büro des Kunden sang er vor sich hin, sollten die anderen doch von ihm denken, was sie wollten.

Der Einsame

“In jedem Ton liegt eine Hoffnung…”: Durch das offene Fenster hatte der Wind die Fetzen eines Liedes hereingeweht. Er lag noch immer im Bett. Obwohl es schon bald Mittag war. Er hatte heute keinen Grund darin gesehen, aufzustehen. Wofür? Weil der Fernseher mit einer neuen Doku auf ihn wartete? Er konnte sie nicht mehr sehen. Gestern hatte er so viel über Eulen gelernt, dass er ein Buch darüber schreiben könnte. Aber was sollte ihm dieses neu erworbene Wissen bringen? Er ging auf die 80 zu. Er war zu alt für so was. Besonders in den letzten Wochen war er gefühlt noch einmal ein Jahrzehnt gealtert.

Eigentlich wäre heute Tarockier-Tag gewesen. Seine Kartenrunde hatte sich zweimal pro Woche getroffen. Doch die würde wohl nicht mehr so schnell zustande kommen. Sie waren alle alt. Sie mussten auf sich aufpassen. Auch die Wanderungen mit seinem ehemaligen Kollegen mussten pausieren. Und allein zu wandern machte ihm keine Freude. Sein Sohn hatte gesagt, er sollte mehr rausgehen, irgendwo, wo er allein spazieren konnte. Wegen der Gesundheit. Damit er fit bliebe. Er wollte nicht fit bleiben.

In letzter Zeit zogen sich die Stunden wie Strudelteig. In der Zeitung und im Fernsehen war ständig davon zu hören, wie man die Kinder zuhause beschäftigen konnte. Davon, wie ER sich beschäftigen sollte, war keine Rede gewesen. Wie gerne hätte er die tollen Ideen mit den Enkelkindern umgesetzt. Hätte ihnen vorgelesen. Mit ihnen gebastelt. Seine Söhne und Schwiegertöchter hatten ohnehin nicht genug Zeit, es wäre ihnen allen geholfen gewesen. Normalerweise kamen sie ihn oft besuchen. Er ging gern mit den Kleinen auf den Spielplatz, passte auf sie auf. Las ihnen drei Bücher hintereinander vor. Grillte mit ihnen auf dem Balkon Würstel und ließ sie so viel Ketchup essen, wie sie wollten. Die Tage mit den Kindern vergingen immer wie im Flug.

Stattdessen wusste er jetzt, dass er ein 2000-Teile Puzzle in zwei Tagen lösen konnte. Danach hatte er es wieder wegräumen müssen. Er konnte ja nicht immer auf der Couch Mittag essen. Es ein zweites Mal zusammenzubauen, das käme ihm verrückt vor. Die Wohnung war blitzblank sauber. Sie war klein und schnell aufgeräumt. Er legte Wert auf Ordnung, hatte sich immer schon als modernen Mann gesehen, der einen Haushalt auch selbst führen konnte. Auch während seine Frau noch am Leben gewesen war, hatte er überall mit angepackt.

Er hatte Fotos von ihr aufgehängt – in den vergangenen Wochen. Hatte eine eigene Fotowand gebastelt, aus den Bilderrahmen, die er in einer Schublade gefunden hatte, und all seine Lieben an einer Wand versammelt. Am Anfang war er noch voller Tatendrang gewesen. Der fehlte ihm mittlerweile. Genau wie seine Enkelkinder. Es war zu seinem eigenen Besten, dass er sie jetzt nur noch ab und zu am Computer sehen konnte, den ihm der Sohn extra so eingerichtet hatte, damit sie Video telefonieren konnten. Doch die Verbindung war meistens abgehackt und die Kinder hatten keine Lust, ewig vor diesem Bildschirm zu hocken. Sie wussten nicht, was sie dem Opa erzählen sollten. Ihre Bilder und Basteleien hingen ebenfalls an der Wand.

“Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung, auf einen Neuanfang.” Jemand sang unter seinem Fenster. Die Worte bahnten sich ihren Weg in sein Zimmer. In seinen Kopf. Er war plötzlich verärgert. So viel Selbstmitleid, das passte nicht zu ihm. Er musste aufstehen, er musste den Tag nützen, wer weiß, wie viele er noch hatte. Erstaunlich behände schwang er seine Beine aus dem Bett und eilte ins Badezimmer. Plötzlich wusste er genau, was zu tun war. Er würde auf das Frühstück verzichten und gleich das Mittagessen vorbereiten. Und zwar die Würstel, die ihm sein Sohn kürzlich vom Einkaufen mitgebracht hatte. Die würde er draußen auf dem Balkon auf den kleinen Grill schmeißen und dann in der Sonne genießen. Mit Ketchup. Und wer weiß, vielleicht würde er sich ja sogar danach auf den Weg machen und eine Runde spazieren gehen. Den Mittagsschlaf konnte er ja heute getrost ausfallen lassen.

Das Kind

Sie schaute von ihrem Heft auf. Mmmm. Vom Fenster her strömte plötzlich ein Geruch nach Urlaub zu ihr herein. Nach Lagerfeuer, Stockbrot grillen und Würstel am Spieß. Wie schön wäre es, jetzt neben ihrem Zelt zu sitzen. Hinter ihnen der Wald mit den zwitschernden Vögeln. Vor ihnen der See, in dem sie gerade noch gebadet hatte. Mit tropfnassen Haaren und Handtuch um den Körper. Sich am Lagerfeuer wärmen. Den Stock ins Feuer halten und zu schauen, dass das Würstel nicht zu schwarz wurde. So hatten sie jeden Sommer ihren Urlaub verbracht.

Doch sie war nicht im Urlaub. Sie war zuhause. In der Zuhause-Schule. An ihrem Schreibtisch. Ihr kam es vor, als würde sie schon seit Stunden über diesem Heft sitzen. Der Bleistift war abgenagt, der Tisch voller Radiergummi-Futzerl. Sie hasste Schreiben. Heute mussten sie das “Eu” lernen und ganz viele Wörter ins Heft schreiben – die ganze Zeile lang. Sie hatte extra groß geschrieben, damit sich die “Feuerwehr” wenigstens nur einmal pro Zeile ausging. Bei der “Eule” ging das nicht so leicht.

Trotzdem musste sie jetzt schreiben, ob sie wollte oder nicht. Denn sonst würde es wieder Streit mit der Mama geben. Die war ohnehin schlecht gelaunt, weil sie dann zur Arbeit musste und vorher noch Kochen und Putzen und die Wäsche waschen. Zeit zum Spielen hatte sie fast nie. Schade. Sie spielte gern mit Mama. Oder las mit ihr gemeinsam im großen Wald-Buch. Das wäre viel schöner. Vor allem jetzt, da es sonst auch niemanden gab zum Spielen. Die Schwester musste noch viel mehr lernen als sie und war öfter in der Schule. Die Oma war auch nicht mehr hier, denn auf die musste man besonders aufpassen. Über Videotelefon las sie ihr Geschichten vor. Das war nicht dasselbe. Sie würde lieber auf ihrem warmen Schoß sitzen. Eines von Omas Karamell-Zuckerln im Mund. Ihre faltigen Hände sehen, die das Buch hielten. Das Gefühl genießen, dass die Oma nur für sie allein da war.

Und ihre Freunde durfte sie zwar treffen, aber nur mit Abstand. Und das war nicht dasselbe. Wie sollte man denn Fangen spielen, wenn man sich nicht berühren durfte? Auch in der Schule musste sie in der Pause allein am Platz spielen – und neben ihr die anderen Kinder, jeder für sich. Außerdem war gar nicht oft Schule. Immer nur ein paar Tage. Obwohl das immer noch besser war als gar keine Schule. Denn Zuhause-Schule, das war das Blödeste. Sie wollte lieber sehen, wie die Lehrerin die Buchstaben erklärte. Die fand immer so lustige Spiele dazu, das war viel spannender als einfach nur Wörter ins Heft zu schreiben. Aber Spiele gab es zurzeit in der Schule auch nicht. Und zuhause dann Schreiben und Rechnen auf Blättern. Sie hasste diese Blätter. Und das Schreibheft noch viel mehr.

Jetzt schob sie das Heft und den Bleistift zur Seite. Aus. Sie mochte nicht mehr. Ihre Mama würde das nicht gut finden, das wusste sie. Aber vielleicht konnte sie ihr stattdessen eine kleine Freude machen. Sie nahm ein Zeichenblatt und zeichnete zwei große Bäume. Darunter ein Lagerfeuer mit Würstel auf Stöcken. Auf den größeren der beiden Bäume setzte sie eine Eule mit riesigen Augen und braunen Federn, so wie die Eule im Wald-Buch. Und dann schrieb sie besonders sorgfältig darüber: “Eule”, „Feuer“ und “Beume”. Jetzt hatte sie genug geschrieben, fand sie. Sie wollte gerade ihre Stifte einpacken, als die Mama das Zimmer betrat.

Die Mutter

Ein riesiger Vogel schaute ihr entgegen. Die Kleine zeichnete sogar den Vögeln ein so großes Grinsen ins Gesicht, dass man gleich zurückgrinsen musste. Ob man wollte oder nicht. Sie wollte zwar schon, aber jetzt gerade hatte sie ihrer Tochter eigentlich erklären wollen, dass das mit den Spielsachen so nicht weiterging. Überall lag etwas herum. Am WC war sie über einen Kuschel-Elefant gestolpert, im Badezimmer auf Murmeln getreten und in der Küche lag eine Holz-Torte – ein Überbleibsel von der letzten Teeparty mit dem Kuschel-Elefant. Sie hatte das Gefühl, ihr ganzes Leben bestand derzeit aus Aufräumen, Putzen und Kochen. Arbeit in der Arbeit und Arbeit zuhause.

Gerade in Zeiten wie diesen solle man sich auf die Familie konzentrieren, hatten sie gesagt. Ja wie denn? Wer sollte sich denn dann auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden mussten? Haushalt. Essen. Lernen. Jetzt, wo alle zuhause waren, lagen pausenlos Dinge herum. Die Kuscheltiere schienen sie richtiggehend zu verfolgen und ihr mit großen Augen dabei zuzusehen, wie sie versagte. Immer wenn sie eine Tür öffnete, huschte der Lurch davon, um sich in einem anderen Winkel vor ihr und dem Staubsauger zu verstecken. Der Wäscheberg schien unbezwingbar. Und jedes Mal, wenn sie den Geschirrspüler öffnete, um die schmutzigen Gläser einzuräumen, die sie gerade im ganzen Haus aufgesammelt hatte, strömte ihr eine Dampfwolke entgegen, die darauf hinwies, dass hier erstmal das saubere Geschirr darauf wartete, verräumt zu werden.

Vom Kochen ganz zu schweigen. Jeden Tag aufs Neue bemühte sie sich, ein einigermaßen gesundes Essen auf den Tisch zu bringen, in dem die Kinder vielleicht ausnahmsweise mal nicht nur lustlos herumstochern würden. Doch selbst wenn sie sich höflich bedankten, wusste sie genau, dass ihnen das Schnitzel mit Pommes und Ketchup aus der Schulkantine wesentlich lieber wäre. Vielleicht sollte sie ihnen morgen einfach wieder Palatschinken machen, die mochten alle gern. Und die gemeinsame Freude am Tisch würde ihr bestimmt auch gute Laune machen.

Die Sachen für die Arbeit lagen fertig gepackt vor der Haustür bereit. Für die Tochter stand ein kleines Spielsäckchen dabei. Sie hatte auch den Kuschel-Elefant aus dem WC dazugelegt. Die Große konnte allein zuhause bleiben, die Kleine nahm sie mit. Früher war immer ihre Schwiegermutter hier gewesen, an den drei Tagen, an denen sie im Café arbeitete. Die Chefin war nicht glücklich darüber gewesen, dass sie jetzt mit der Tochter kam, aber hatte Verständnis gehabt. Und die Kleine beschäftigte sich auch wirklich immer selbstständig. Unglaublich, wie viel sie gelernt hatte in den vergangenen Wochen. Selbstständigkeit, Zurückhaltung, Pflichtbewusstsein. Fast ein bisschen zu brav war sie geworden, wie sie manchmal fand. Sie hätte ihr eine unbeschwertere Kindheit gewünscht.

Jetzt nahm sie ihre Tochter in den Arm, bewunderte das schöne Bild und hütete sich davor, mit ihr über die “Beume” zu sprechen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Sie ermutigte die Kleine, im Nebenzimmer des Cafés noch weiterzuzeichnen, während sie sich ans Kuchen backen machte. Vielleicht konnte sie für sie ein kleines Stück von der Schwarzwälder abzweigen, die heute auf dem Plan stand. Die mochte die Kleine besonders gern.

Der Reisende

Er war seit Wochen zum ersten Mal in einem Café. Es war dringend nötig gewesen! Er musste endlich mal wieder Menschen sehen. Nicht nur die Stimmen über den Knopf im Ohr hören. Er fühlte sich plötzlich einsam. Gestern Abend hatte er sie zuletzt gesehen, heute Früh war sie schon weg gewesen. Auf dem Weg nach Salzburg, wie ihm das Zugticket gezeigt hatte. Jetzt war er also allein. Und wusste nicht, was das hieß: “Keinen Kontakt!” Durfte er sie anrufen? Sollte er ihr sagen, dass er nicht ganz verstand, was da gerade passierte? Dass er sie vermisste? Denn das tat er.

Wochenlang hatte ihn das Hintergrundgeräusch ihrer klappernden Tastatur durch den Tag begleitet. Jetzt war es plötzlich unendlich still in der Wohnung. Manchmal hatte sie ihm ein Glas Wasser auf den Tisch gestellt. Er hatte für sie beide gekocht, das war schön gewesen.

Jetzt saß er allein an einem Tisch. Der Kellner stellte den Kaffee und die bestellte Schwarzwälder Kirsch-Torte vor ihn hin. Eigentlich war das IHRE Lieblingstorte, nicht seine. Aber irgendwie fühlte er sich ihr so ein bisschen näher. Ihre Abreise war für ihn wie aus heiterem Himmel gekommen. Es stimmte schon, er hatte wirklich wahnsinnig viel gearbeitet in den letzten Wochen. Aber er wollte auf keinen Fall, dass der Eindruck entstand, er wäre beim Arbeiten zuhause weniger produktiv. Seine Karrierechancen im Unternehmen standen gut, das wollte er sich auf keinen Fall versauen. Er war wie besessen von dem Gedanken gewesen, in dieser Situation sein ganzes Können unter Beweis zu stellen. Damit hatte er es bestimmt ein bisschen übertrieben. Aber warum sie gleich ihre Sachen packte und losfuhr? Er konnte doch nicht so einfach von jetzt auf gleich Urlaub nehmen, das musste sie doch einsehen! Naja, zumindest übers Wochenende hätte er sie schon mal begleiten können, aber da war er dann auch stur.

Er nahm einen Bissen von der Torte. Sie schmeckte hervorragend. Sie hätte ihr auch geschmeckt. Solche Momente waren in letzter Zeit viel zu kurz gekommen. Momente, in denen er sich Zeit nahm. Er hätte sie mehr unterstützen müssen. Hätte sie mal nach ihrer Masterarbeit fragen sollen. Er war einfach viel zu konzentriert auf sich selbst gewesen. Eigentlich weniger auf sich selbst, als auf seine Arbeit. Sie hatte schon Recht. Das Rauskommen hätte ihnen bestimmt gut getan. Mal wieder etwas anderes sehen, nicht nur die eigenen vier Wände. Andere Menschen, nicht nur die Gesichter, die ihm in den Videokonferenzen täglich aus dem Bildschirm entgegenstarrten. Eigentlich wäre ihre Idee gar nicht schlecht gewesen. Sie kam nur so völlig zum falschen Zeitpunkt. Er musste doch weitermachen. Sein Vorgesetzter war kurz vor der Pension. Vielleicht hatte er gute Chancen, wenn er sich jetzt nicht blöd anstellte. Und dann?

Dann wäre der Zeitpunkt auch nicht besser gewesen, wenn er ehrlich war. Denn wenn er sich in eine neue Position einarbeiten musste, war auch kein Platz für Urlaub. Gedankenverloren nippte er an seinem Kaffee. Die Tasse war bereits leer, genau wie der Teller vor ihm. Wann, wenn nicht jetzt? Er legte Geld auf den Tisch. Dann nahm er seine Tasche und marschierte entschlossen in Richtung Bahnhof.

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