Gendern

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„Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?“ – oder auch „Der ewige Streit um die ‚Innen‘“

Gendern Bildquelle: Pixabay

Ich tu es. Sie tun es. Alle tun es. Wir reden übers Gendern. Ob wir wollen oder nicht. Und wenn wir nur sagen „Was für ein Schwachsinn!“ oder eben „Gibt es nichts wichtigeres, worüber wir diskutieren sollten?“ – schon diskutieren wir selbst und sind mittendrin im „Krieg der Sternchen“, wie es „DIE ZEIT“1 so schön genannt hat.

Was mich an dieser Diskussion immer am meisten verwundert, ist die Angst vor der Veränderung der Sprache. Warum dieses vehemente „Das war schon immer so und so will ich es weiter haben!“? Deutsch verändert sich. Ständig. Mit jeder neuen Auflage nimmt der Duden tausende neue Wörter in das Standardwerk der deutschen Sprache auf – und ebenso viele fliegen raus. Es gibt kein „Deutsch, wie wir es früher hatten“ und ein „heutiges Deutsch“. Es gibt nur stetigen Wandel. Wer versteht heute schon noch, welche „Minne“ Walther von der Vogelweide im 12. Jahrhundert für sein „Herzeliebez vrouwelin“2 gefühlt hat. Unsere Eltern hatten Wörter wie „downloaden“ oder „Maschendrahtzaun“ noch nicht in ihrem Duden, sie hielten erst vor 20 Jahren Einzug. Erst vor einem Jahr landeten „Alltagsrassismus“ und „Chiasamen“ im Wörterbuch. Im Gegenzug fielen – ebenfalls erst vor einem Jahr – Wörter wie „Hackenporsche“ (Bedeutung: Einkaufsroller) oder „Niethose“ (keine Krankheit, sondern schlicht eine Hose mit Nieten) raus. Wörter kommen und gehen.

Walther von der Vogelweide Bildquelle: Pixabay

Auch die Grammatik verändert sich. Uns Innviertler*innen sagt man ja nach, besonders stur und hoamatbezogen zu sein. Aber sogar wir verändern unseren Dialekt. In meiner Kindheit war es völlig normal, dass meine Oma und mein Opa mich als „am Erni sei Diandl“ vorgestellt hatten – und damit das Dirndl von meiner Mama Ernestine meinten. Es war durchaus üblich, dass Männer erzählten „er is hoamgonga“ und damit den Tod ihrer Gattin betrauerten.3 Vor nicht allzu langer Zeit (ich weigere mich, meine Kindheit schon als so lange zurückliegend zu betrachten) dürfte es sogar den Sturschädeln im Innviertel zu verwirrend geworden sein, nur ein männliches Personalpronomen zur Verfügung zu haben. Plötzlich hielt doch die weibliche Form Einzug und „eam“ und „sei“ konnte damit auch „ia“ und „ira“ heißen.

Und genau aus diesem Grund diskutieren wir auch über das Gendern. Schließlich war vor ein paar Jahrzehnten noch niemand verwirrt, wenn man von „Anwälten“ oder vom „Ärzten“ sprach. Die erste weibliche Ärztin in Österreich war Dr. Gabriele Possana von Ehrenthal, die 1894 in der Schweiz ihr Studium abschloss. In Österreich waren erst ab 1900 Frauen zum Medizinstudium zugelassen.4 Heute studieren ähnlich viele weibliche wie auch männliche Studierende an den österreichischen Medizinunis. Und damit haben wir genauso viele Ärztinnen wie auch Ärzte. Ergo ist es schlichtweg nicht mehr stimmig, nur noch von Ärzten zu sprechen. Die Gesellschaft verändert sich – und damit muss sich auch die Sprache verändern.

Ich selbst habe meine Magisterarbeit nicht gegendert, weil ich mit meinen damals Anfang 20 noch der Meinung war, es würde den Lesefluss zu sehr beeinträchtigen und das schlicht – auf gut deutsch – nicht dafürsteht. Heute, als Mutter zweier Kinder, bin ich wesentlich sensibler geworden. Ich möchte, dass meine Kinder wahrnehmen, dass es genauso viele weibliche wie auch männliche Ärzte gibt. Ich möchte, dass meine Tochter von Anfang alle Möglichkeiten in ihrer Berufswahl sieht, wie auch mein Sohn sehen soll, dass er genauso gut Pfleger oder Kindergärtner werden darf oder er zumindest vorbereitet sein sollte, dass er in seinem derzeitigen Traumberuf „Kabelverleger“ durchaus auch mit weiblichen Kollegen zu tun haben könnte. Oder dass es sogar Geschlechter abseits dieser beiden Varianten gibt.

Gendern Bildquelle: Pixabay

Es ist okay, wenn sich die Sprache ändert. Kein „vrouwelin“ von heute würde Walther von der Vogelweides Minnesang jetzt noch erhören – kein Wunder, denn die Frauen von heute haben selbst genug zu sagen. Männer eh auch.


  1. 2020: DIE ZEIT Nr. 42 / 2020, 8. Oktober 2020. Bittner, Jochen und Rückl, Carolin: Krieg der Sternchen. Gendergerechte Sprache. [return]
  2. Dorothea Ader: Walther von der Vogelweide. Herzeliebez frowelin. In: DU. Das Kulturmagazin, Bd. 19 (1967), S. 65–75, ISSN 0012-6837 [return]
  3. Auch nachzulesen in „Unser Innviertel“, Kolumne von der „Mosauerin“ in: Oberösterreichische Nachrichten“ [return]
  4. Ö1 „Meilensteine der Medizin“: Die erste promovierte Ärztin. 8. April 2017. [return]
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