Anfang

Anfang

2018-01-01

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Das ist schon mal ein Anfang. Der Anfang von 2018, der Anfang der Wortschneiderei, der Anfang dieses Blogs und der Anfang des allerersten Blog-Eintrags. Jeder Blog-Text wird sich mit einem Wort beschäftigen – logisch, wir sind ja in der Wortschneiderei. Und das erste Wort ist – Trommelwirbel – der „Anfang.“

Anfang Dudenredaktion 2017: Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 27., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, S. 196

Weil jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Das befand Hermann Hesse 1941, als er nach langer Krankheit ein philosophisches Gedicht namens „Stufen“ schrieb. Ein Gedicht, in dem der Autor dazu aufruft, immer wieder den Neubeginn zu wagen:

„(…) Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten. (…)“

Das Gedicht kennt kaum ein Mensch, der eine Satz hingegen ziert Grußkarten, Tweets und Sprüchebilder – und zieht sich quer durch alle Lager der Politik. Angela Merkel bemühte das Zitat im Zusammenhang mit ihrem französischen Kollegen Emmanuel Macron, unser ehemaliger Kanzler Christian Kern zitierte Hesse in einer Rundfunkdebatte mit Reinhold Mitterlehner, bevor rund eineinhalb Jahre später Karoline Edtstadler – unsere neue Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres – sich bei der Angelobung über den Zauber des türkis-blauen Anfangs freute. Ob letzteres so im Sinne des Erfinders – also Hesse – gewesen wäre, ist anzuzweifeln. „Menschlichkeit und Politik schließen sich im Grunde immer aus“, soll er gesagt haben.

Viele Jahrhunderte vor Hesse meinte ein gewisser Johannes „Im Anfang war das Wort“. Auch das ist ein Zitat, das wohl jeder kennt, ohne sich das Ursprungswerk – das vierte Buch des Neuen Testaments – je genauer zu Gemüte geführt zu haben. Der Apostel wollte uns mit seinem tiefgründigen Prolog über die Schöpfung wohl auf die hohe Bedeutung der Sprache hinweisen, mit welcher Gott die Welt erschaffen haben soll. Ihr erinnert euch: „Gott der Schöpfer spricht: ‚Es werde Licht!‘ und es wurde Licht (…)“ – so stehts in der jüdischen Thora.

Über den Zusammenhang von Wort und Anfang machte sich dann ein uns aus Schulzeiten noch allzu bekannter Faust in seinem Studierzimmer so seine Gedanken.

„(…) Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
(…) Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

So schrieb Goethe 1808 in seinem wohl berühmtesten Werk.

Dass aller Anfang nicht nur schwer, sondern vor allem bedeutsam ist, wissen alle, die sich schon einmal im Schreiben versucht haben. Schließlich kann nicht jeder Autor mit so etwas ergreifendem wie „Im Anfang war das Wort“ sein Werk beginnen. 2007 wurde in einem Wettbewerb der schönste erste Satz in der deutschsprachigen Literatur gekürt. Er lautet: „Ilsebill salzte nach.“ – und entstammt dem Roman „Der Butt“. Seither durfte sich Günter Grass nicht mehr nur Nobelpreisträger sondern auch bester Buchanfangs-Schreiber nennen. Mahlzeit! Der zweitschönste Buchanfang aller jemals geschriebenen deutschen Werke ist übrigens etwas weniger aus dem Leben gegriffen: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ – Franz Kafka begann damit seine Erzählung „Die Verwandlung“.

Diese Autoren hatten offenbar Erfolg mit ihrem guten Anfang. Damit bleibt mir nur zu hoffen, dass es für die Wortschneiderei ebenso gut weitergeht – mit ganz viel Zauber, vielen Worten und lauter guten ersten Sätzen.

Quellen:

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