Wenn eine Presseaussendung zur Frechheit wird

Wenn eine Presseaussendung zur Frechheit wird

2018-03-27

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Ich habe vergangene Woche eine Presseaussendung erhalten, die mich schlicht und ergreifend entsetzt hat. Eine derart schlecht gemachte Aussendung ist eine Zumutung für Journalisten, eine Übervorteilung des Kunden und eine Diskreditierung für die gesamte PR-Branche.

Wenn eine Presseaussendung zur Frechheit wird

Diese eine Presseaussendung zeigt ganz deutlich, wo die Symbiose zwischen Journalismus und PR endet und der Kampf gegen das „Zumüllen“ – wie ein Journalist das einmal mir gegenüber nannte – beginnt. Bei der Aussendung handelte es sich um eine E-Mail mit einer schier endlosen schwarzen Buchstaben-Wurst: 6000 unformatierten Zeichen in einer Mail. In einer Word-Datei wären es mehr als drei Seiten gewesen.

Das Thema war nicht unbedingt das Spannendste. Auch das ist mehr als nur Pech. Schon hier muss der PR-Profi aktiv werden und vielleicht dem Kunden von einem unpassenden Thema sogar abraten, anstatt nur das verdiente Geld in der Aussendung zu sehen. Meistens reicht es auch schon, den spannenden Aspekt im komplizierten Thema zu finden und den Kunden dahingehend zu beraten. Und dann lebhaft aufzubereiten! Anstatt die Botschaft in komplexen Schachtelsätzen zu verstecken und mit Wörtern auszuschmücken, die Wikipedia als „gehoben“ und der Duden als „veraltet“ bezeichnet. Ich musste den ersten Absatz dreimal lesen, um zu begreifen, wo der News-Wert der Aussendung sich eigentlich versteckt. Auch die restlichen sieben Absätze waren nicht hilfreich.

Die Lüge vom gepflegten Presseverteiler

Alleine, dass mich diese Aussendung überhaupt ereilt hat, zeugt von schlechter PR-Arbeit. Ich bin seit fast zehn Jahren nicht mehr in einer Redaktion tätig. Zudem war sie an die E-Mail-Adresse mit meinem Mädchennamen adressiert – den ich seit fast sieben Jahre nicht mehr führe. Da kann man sich bildlich vorstellen, wie gewissenhaft der Verteiler gepflegt wird und wie gezielt die Adressaten ausgewählt werden – nämlich gar nicht. Im Gegenteil!

„Dabei könnte er die E-Mail genauso gut an seine Oma, seine Nachbarin und dem Cousin dritten Grades schicken.“

Ich bin davon überzeugt, dass hier aus der Schlampigkeit eine Tugend gemacht wird. Diese Agentur versucht vermutlich, dem Kunden schmackhaft zu machen, dass er seine Botschaft mit diesem – vermutlich aus allen Nähten platzenden – Verteiler an tausende Journalisten-Kontakte verbreiten könnte. Dafür zahlt der Kunde dann bestimmt noch extra. Dabei könnte er die E-Mail genauso gut an seine Oma, seine Nachbarin und dem Cousin dritten Grades schicken.

Dass es sich bei diesen vielen E-Mail-Adressen zu einem Großteil vermutlich um Karteileichen handelt, weiß der Kunde nicht. Dass er mit seiner Aussendung vermutlich kaum einen für ihn und seine Aussendung tatsächlich relevanten Journalisten erreicht, weiß er auch nicht. Und dass es einem Journalisten mit dieser Art der Presseaussendung fast schon unmöglich gemacht wird, die in so einer Buchstaben-Wurst versteckte Botschaft tatsächlich zu finden, ist für den Kunden sicherlich auch nicht klar.

Bekanntheitsgrad, ja – aber nicht im guten Sinne…

Viele Kunden leisten sich nur deshalb die Arbeit von PR-Agenturen, weil sie annehmen, dass die Agenturen den besseren Draht zu Journalisten haben. Oft gehen Agenturen mit ihren großen Presseverteilern hausieren und kennen nicht einen Journalisten, der für das Fachgebiet des Kunden relevant wäre. Nun glaube ich zwar nicht, dass es so hilfreich ist, Journalisten persönlich zu kennen. Ich war lange genug selbst als Redakteurin tätig, um zu wissen, dass ein guter Journalist in einem renommierten Medium keine schlechten oder langweiligen Storys an die Öffentlichkeit bringt, nur weil ihn ein Bekannter darum bittet.

„Wenn ein Journalist von einer Agentur eine derart grottenschlecht geschriebene Aussendung zu einem für ihn komplett irrelevanten Thema in einer völlig unlesbaren Aufbereitung per Gießkannenprinzip in den Posteingang geschüttet bekommt, wird er sie bestenfalls löschen und sich schlimmstenfalls fürchterlich ärgern.“

Der einzige Bekanntheitsgrad, den sich eine PR-Agentur mit dieser Arbeitsweise bei den Journalisten verschafft, ist sicher kein positiver. Wenn ein Journalist von einer Agentur eine derart grottenschlecht geschriebene Aussendung zu einem für ihn komplett irrelevanten Thema in einer völlig unlesbaren Aufbereitung per Gießkannenprinzip in den Posteingang geschüttet bekommt, wird er sie bestenfalls löschen und sich schlimmstenfalls fürchterlich ärgern. Und die nächsten E-Mails dieser Agentur blockieren oder löschen. Der Kunde wird enttäuscht sein, dass das Thema nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen hat. Und überall erzählen, wie stümperhaft PR-Agenturen arbeiten. Liebe Agenturen, bringt eure Arbeitsweise ins 21. Jahrhundert! Und liebe Unternehmerinnen und Unternehmer, lasst euch nicht für dumm verkaufen! Es gibt bestimmt auch in Ihrem Unternehmen Themen, die es wert sind, erzählt zu werden – und zwar nicht nur in einer 6000 Zeichen-E-Mail an die Oma, die Nachbarin und den Cousin dritten Grades.

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