Fake News – die Qual der Wahl im Info-Dschungel

Fake News – die Qual der Wahl im Info-Dschungel

2020-06-23

Lesen in 3 Minuten

Oder auch: Ein Plädoyer für den klassischen Beruf „Journalist“

Fake News – die Qual der Wahl im Info-Dschungel Bild von Markus Winkler auf Pixabay

„Ich habe andere Informationen zu dem Thema“: Mit diesem Satz hat mir kürzlich jemand seinen Standpunkt zum Corona-Virus erklärt. Mir, der gelernten Journalistin, der Kommunikationswissenschaftlerin, die zum Thema Nachrichten-Selektion geforscht hat, haben sich bei diesem Satz gleich alle Nackenhaare aufgestellt. Das beschreibt genau das Problem zum Thema Fake News. Denn NEIN, diese Person hatte keine ANDEREN Informationen. Ich habe all diese „Informationen“ ebenso. Ich gewichte sie nur anders. Ich entscheide anders als sie, wenn es darum geht, nach welchen Informationen ich mich richte. Wussten Sie, dass das Wort „Nachrichten“ von „Nachrichtung“ kommt – und bedeutet, man hat sich danach zu richten? Früher war das so einfach: Meinungsbildner aus dem Ort oder die Zeitungen versorgten die Menschen mit Nachrichten. Beides war glaubwürdig und wurde kaum in Frage gestellt. Und wer versorgt mich heute? Jeder! Heute kommen die Infos über YouTube- und Instagram-Kanäle, über Tiktok und Snapchat, Facebook und WhatsApp. Die klassischen Medien spielen auch noch mit. Die Selektion aber bleibt an mir hängen.

Warum manche plötzlich Bleiche trinken…

Und die Kriterien, nach denen ich auswähle, hängen von meinen Erfahrungen und meinem Umfeld ab, und sind komplett anders als jene, die mein Mann, mein Kind, meine Mutter oder meine beste Freundin anwenden. Subjektiv. So kommts, dass der eine Bleiche trinkt, weil er von jemandem, den er für seinen Erfolg sehr bewundert und von dem er annimmt, dass dieser kluge Mann aufgrund seiner Position nur fundierte Informationen haben könne, erfahren hat, dies würde ihn vor einer Krankheit beschützen. Und ein anderer, der sich nur fragt, wie es ein minderbemittelter Kasperl überhaupt geschafft hat, so eine hohe Position zu erlangen, kann diese „Nachricht“ nur als Blödsinn abtun.

Dieser erfolgreiche, kluge Mann – oder minderbemittelte Kasperl, je nachdem – hat seine Meinung via Twitter kundgetan. Eine Selektion gab es nicht. Zu anderen Zeiten hätte er diese (Des)Information nur über ein Medium verbreiten können, in welchem Journalisten die Selektion übernommen hätten. Dieser hätte nun die Aufgabe gehabt, die Information zu überprüfen, mit einem Wissenschaftler sprechen, mit Experten, Gegenmeinungen einzuholen. Und dann die Information mit Pros und Contras der Bevölkerung zugänglich zu machen, oder eben nicht.

Jedem seine Profession

Jetzt kommen natürlich Gegenstimmen, die meinen, Journalisten würden genau das ja ohnehin nicht tun. Sie würden irgendwelche Geschichten verbreiten, die gerade in ihre persönliche Agenda passen. Natürlich gibt es bei Journalisten auch nicht nur Gute! Aber man sollte nicht vergessen, dass grundsätzlich der Journalist einfach seinen Beruf ausübt, sein Handwerk erlernt hat und es zu seiner Arbeit gehört, Informationen zu selektieren. Manche mögen das vielleicht nicht zu unserer eigenen Zufriedenheit tun. Es gibt auch Tischler, die manchmal schlechte Arbeit leisten. Trotzdem würde ich mir nie anmaßen zu sagen, nachdem sowieso kein Tischler ein gerades Häuschen zimmern kann, baue ich mir meine Möbel ab heute selbst. Und nachdem sowieso kein Arzt ordentlich diagnostiziert, mache ich mir meine Blinddarm-Operation einfach selbst.

Der Weg aus dem Fake-News-Dschungel führt nur über richtige Recherche und professionelle Selektion der Informationen. Wenn wir diesen Aspekt der Arbeit von Journalisten nicht wertschätzen, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als die Nachrichten-Selektion selbst durchzuführen. Dann aber bitte mit professionellen Werkzeugen anstatt mit subjektiven Kriterien. Oder wir lernen, den Beruf des Journalisten wieder wertzuschätzen und ordentlich zu entlohnen, anstatt die klassischen Medien kaputt zu sparen, Journalisten durch Bots zu ersetzen und die Medien an russische Oligarchen-Nichten zu verkaufen.

Weitere News Frühere News